Let’s start a Bystander Revolution

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit Gewaltprävention. Dabei sind mir hunderte von Projekten begegnet. Einige scheiterten, einige benötigten noch etwas Feintuning und einige funktionierten wunderbar. Und ab und zu begegnen mir Projekte, die mich schlicht und einfach anhaltend begeistern. Im Bereich der Vermeidung von Cybercrimes in sozialen Medien ist zum Beispiel Klicksafe  ein solcher Lichtblick. Diese Kampagne im Auftrag der Europäischen Kommission leistet seit Jahren hervorragende Arbeit zur Förderung von Kompetenz im Umgang mit Internet und neuen Medien. Durch mittlerweile reichhaltige Erfahrung, exzellente Teambesetzung und präzise ausgearbeitete Materialien für Eltern und Lehrer ist Klicksafe in der Lage, eine erhebliche Verbesserung der Sicherheit im Umgang mit dem Internet zu bewirken.

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Während Klicksafe bereits einige Jahre der Weiterentwicklung erleben konnte, entdeckte ich heute ein erst vor wenigen Wochen online gegangenes Projekt, dass mich ebenfalls auf Anhieb fasziniert hat: BystanderRevolution.org. Die Webseite beschäftigt sich mit der Prävention von (Cyber-)Mobbing. Zu den Hintergründen von Cybermobbing habe ich seit 2006 einige Artikel verfasst – in den letzten Jahren erschienen zudem gute internationale Studien, um das Phänomen noch besser beschreiben zu können. BystanderRevolution will indes nicht die Hintergründe von Cybermobbing erforschen, sondern einen Beitrag dazu leisten, Opferwerdungen zu verhindern.

Als „Bystander“ bezeichnet man Augenzeugen eines Übergriffs (engl. für „Beistehende“), die zusehen, statt zu helfen. Unter dem Begriff „Verantwortungsdiffusion“ wurde etwa erforscht, dass schon alleine die Anwesenheit mehrerer Zuschauer die Wahrscheinlichkeit erheblich senken kann, dass jemand bei einem Übergriff einschreitet. Man geht davon aus, dass fehlende oder unklare Zuordnung von Verantwortung eine Ursache dieses Phänomens bildet. Doch das ist nur ein Teil des Problems. Es geht z.B. auch um das Wissen, welche Handlungsoptionen sich bieten, um für einen helfenden Eingriff gewappnet zu sein. Und das kann relativ leicht vermittelt werden.

Besonders relevant wird die Rolle dieser Bystander bei fortgesetzten Schädigungsformen, wie dem Mobbing … und seiner Tech-Variante, dem Cybermobbing. Schon vor Jahrzehnten hat der schwedisch-norwegische Persönlichkeitspsychologe Dan Olweus darauf hingewiesen, dass es nicht ausreicht, mit Tätern und Opfern zu arbeiten, sondern dass das Verhalten der Bystander unbedingt berücksichtigt werden muss, um Mobbingprozesse zu unterbinden.

Ganz im Sinne des (dem irischen Staatsmann und Philosophen Edmund Burke zugeschriebenen) Zitats „das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen“, gilt es, Bystandern ein helfendes Einschreiten zu ermöglichen, um mobbendes Verhalten nachhaltig unterbinden zu können. Und genau hier setzt BystanderRevolution an. Prominente wie z.B. Michael J. Fox, Wayne Gretzky, Salma Hayek, Jared Leto, Jason Mraz, Kevin Spacey und andere schildern sehr persönlich, wie Täter und Opfer sich verhalten können, wie sie ihre Sichtweisen verändern können und vor allem, wie Bystander helfen können. Die bereits mehr als 300 Videos sind jeweils nur 1-3 Minuten lang und mittels einer eingebundenen Suchmaschine in Bezug auf eine große Bandbreite an Problemen und Situationen recherchierbar. Alle fokussieren dabei auf einfache, aber klare und durchdachte Handlungsanregungen. Doch würde eine statische Webseite heutzutage zweifellos schnell aus der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwinden. Daher bildet der Aufruf, selbst Videos anzufertigen und sie auf die Seite hochzuladen, einen langfristig bindenden Kern des Projektes.

Unterstützt und beraten von einigen der weltweit renommiertesten Wissenschaftler und Praktiker, wie etwa Philip Zimbardo, Dorothy Espelage, James McGee und Gavin de Becker, steht der neuen Webseite hoffentlich eine rege Nutzung und ein intensiver Austausch bevor. Ich bin jedenfalls begeistert.

Die Auswahl eines der vielen sehenswerten Videos als Beispiel für diesen Blog war nicht einfach. Für die Nerds und Geeks unter den Bloglesern, habe ich mich schließlich für ein Video des britischen Autors Neil Gaiman entschieden, in dem er stärkende Worte für Opfer von (Cyber-)Mobbing findet:

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