Zur Deutung Digitaler Demenz

Meiden Sie digitale Medien. Sie machen (…) tatsächlich dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich.“ schreibt der Psychiater Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer in seinem populärwissenschaftlichen Buch „Digitale Demenz“. Zweifellos ist Spitzer ein kluger Mann. Wenn er sich äußert, erreichen seine Sichtweisen eine weite Verbreitung – so konnte sich auch seine „Digitale Demenz“ lange auf der Spiegel-Bestsellerliste halten. Doch schon kurz nach Erscheinen seines Buches merkte der renommierte Wissenschaftsjournalist Dr. Werner Bartens in der Süddeutschen an: “Mit seiner Polemik bedient der Psychiater die Ängste verunsicherter Eltern – mithilfe bizarrer und oberflächlicher Argumente.“ Viele weitere kritische Aussagen folgten. Zum Teil bemühten sie sich, Gegenstudien zu Spitzers Arbeit aufzuführen, während andere Verfasser seine Aussagen beleglos anzweifelten oder im Extremfall polemische Gegenargumente vorbrachten. Der geneigte Leser mag diese Diskussion gerne selbst in den Weiten des Webs nachrecherchieren – die Aufgabe von Wissenschaft ist es jedoch, weder Aussagen unkritisch aufzunehmen, noch sie unsachlich zu diskreditieren. Werfen wir daher auf dem sicheren Boden empirischer Forschung einen kritischen Blick auf die Fundierung der These einer Digitalen Demenz:

In der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Psychologische Rundschau erschien kürzlich eine Studie von Prof. Dr. Markus Appel und Constanze Schreiner, die einen Überblick zum Forschungsstand über die Auswirkungen der Nutzung von Computer und Internet liefert. Die beiden Autoren identifizieren darin neun populäre Thesen und prüfen mit Hilfe von meta-analytischen Befunden deren wissenschaftlichen Gehalt. Bei solchen Meta-Analysen handelt es sich um Studien, die Befunde aller verfügbaren Untersuchungen betrachten, um einen gemeinsamen Stand des Wissens zu festlegen zu können.

Das Fazit dieser Meta-Analyse lautet: „Die Behauptungen, die Nutzung digitaler Medien bzw. speziell des Internets stehe in einem bedeutsamen Zusammenhang oder führe gar zu einer Reduzierung von sozialen Interaktionen, vermindere das gesellschaftlich-politische Engagement und bringe erhöhte Einsamkeit, lassen sich auf Basis der bisherigen Befundlage im Mittel nicht belegen.“ Fairerweise machen die beiden Autoren dabei auch die Grenzen ihrer Studie deutlich. Einerseits berichten Sie über einige korrelative Zusammenhänge, die sich tatsächlich belegen lassen (z.B. einen Zusammenhang von intensivem Fernsehen und Übergewicht). Andererseits weisen die darauf hin, dass sie Vermutungen über Auswirkungen von digitalen Medien nicht behandelt haben, über die keine meta-analytischen Erkenntnisse vorlagen. Mit anderen Worten: es gab noch keine meta-analytischen Studien, die diese Aussagen widerlegen könnten, aber auch keine die sie belegen.

Nicht ohne verhaltenes Augenzwinkern weisen die Autoren darauf hin, dass es eine wissenschaftlich belegte Sichtweise zu psychologischen Fragen der Auswirkungen von digitalen Medien auf Individuen in der deutschen Diskussion schwer habe. Die Vertreter der wissenschaftlichen Psychologie seien „in den massenmedialen Diskussionsforen zum Thema Internet und Medienwirkungen kaum vertreten“. So fehle in deutschsprachigen TV-Diskussionen, Feuilletonbeiträgen oder Radiofeatures oft eine „wissenschaftlich-psychologische Expertise“.

Doch was bedeutet das für die breite Rezeption von Spitzers Buch? Handelt es sich lediglich um eine aus Kritikersicht einseitig und überzogen dargestellte Sichtweise, die öffentlich zu zurückhaltend widerlegt wird? Oder könnte Spitzers populistische Darstellung möglicherweise schädliche Nebenwirkungen haben? Appel und Schreiner schreiben hierzu: „Die Verbreitung nicht sachgemäßer, alarmistischer Thesen zu den Auswirkungen von Internetnutzung verschleiert unseres Erachtens den Blick für die Herausforderungen, die mit einer Verbreitung von Computer und Internet im Alltag verbunden sind.“ Und das hat Konsequenzen: wenn derart „alarmistische“ Behauptungen von Eltern und Schulen verinnerlicht werden, dann werden Bezugspersonen von Kindern möglicherweise eher einseitig vermeidend reagieren, statt das Potential und die Notwendigkeit der Beschäftigung mit neuen Medien zu verstehen. In der Konsequenz könnten Kinder und Jugendliche dann gegen die medialen Herausforderungen von „Neuen Medien“ weit schlechter gewappnet sein.

Natürlich ist diese These bislang ebenso wenig durch Forschung gestützt, wie es der Studie von Appel und Schreiner zufolge einige Aussagen von Herrn Spitzer sind. Die Befürchtung ist somit zurzeit ebenfalls eher Meinung als Wissenschaft. Doch lohnt es sich generell, gedankliche Gegenposition einzunehmen, um dann eine eigene Sichtweise zu finden.

Mir persönlich scheint eine Gegenthese zu Spitzer angebracht: Wir brauchen ein „Mehr“ der Auseinandersetzung mit digitalen Medien, statt ein „Weniger“. Kinder und Jugendliche müssen sich die moderne Welt nutzbar machen, um darin bestehen zu können. Verbote und Ausweichstrategien erscheinen hierzu weder zeitgemäß, noch durchführbar. Wir sollten unseren Kindern und Jugendlichen vielmehr aktiv kompetentes Handeln in modernen Welten beibringen, denn sie müssen sich in diesen Medien unweigerlich in ihrem späteren Leben zurechtfinden. Dazu müssen Eltern, Lehrer und andere Bezugspersonen solche Medien jedoch verstehen. Sie müssen sich aktiv mit ihnen auseinandersetzen, damit sie entsprechend Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen im Umgang mit den Medien steigern können. Auf diesem Weg gibt es jenseits des Schürens von populistischer Angst vor einer vermeintlichen „Digitalen Demenz“ viel zu tun. Meine Sicht lautet daher: Meiden Sie die digitalen Medien nicht, wie Herr Spitzer es fordert, sondern setzen Sie sich aktiv damit auseinander!

 

(Quelle der Studie: Appel, M. & Schreiner, C. (2014). Digitale Demenz? Mythen und wissenschaftliche Befundlage zur Auswirkung von Internetnutzung. Psychologische Rundschau, 65, 1-10)

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