Kinder- und Jugendschutz 2.0 – ein Spiel entsteht

André Schmitz, Geschäftsführer der waza! UG, nimmt in seinem heutigen Gastbeitrag Bezug auf die Entwicklung einer Präventionslösung für den Kinder- und Jugendmedienschutz, die bei einer Tagung an der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg ihren Ausgangspunkt hatte:

Am 05. Juni 2014 traf man sich in Oranienburg um den Medienschutz für die Jüngsten in unserer Gesellschaft von allen Seiten fachlich zu begutachten. Meine Aufgabe war es dabei, die Perspektive der Medienbranche einzubringen. Warum dieser Tag dazu führte, dass knapp ein Jahr später die ehemalige Bundesministerin der Justiz ein Spiel empfahl, soll hier erzählt werden.

Titelmenü des gemeinsamen Spiels der waza! UG und der Deutschen Kinderhilfe e.V.
Titelmenü des gemeinsamen Spiels der waza! UG und der Deutschen Kinderhilfe e.V.

Als die Grußworte der Fachhochschule und des Innenministers verklungen waren, schlossen sich zunächst Einzelvorträge der anwesenden Experten an – unter anderem von meinem Kollegen Eric Jannot. Nach der Mittagspause folgte das „EXPERTEN-KARUSSELL“ als nächster Programmpunkt. Auch wenn sich der kindliche Teil in mir darunter vorstellte, die versammelten Experten auf ein Jahrmarkt-Karussell zu verfrachten und im Kreis drehen zu lassen, war die Realität bedeutend produktiver. Alle Teilnehmer wechselten im 15- Minutentakt die Räume, in denen jeweils die Experten saßen, die zuvor Vorträge gehalten hatten. Viele Fragen an Eric gingen zunächst Richtung „Gewalt in Spielen“, unserer Meinung nach ein Erbe der unsäglichen Killerspieldebatte des letzten Jahrzehnts, die weiterhin wirkt.

Und dann standen sie da! Marian Drawitz und Kevin Vennewald von der Deutschen Kinderhilfe e.V., einem staatlich unabhängigen Vertreter von Kinderrechten. Getrieben von echter Neugier und Wissensdurst kamen beide mit uns ins Gespräch, um Spiele produktiv für die Aufklärung von Kindern in Medienbelangen einzusetzen. Der Austausch war fruchtbar und wir beschlossen die Diskussion an einem separaten Termin fortzuführen.

Zeitsprung: 15.07.2014, die deutsche Nationalmannschaft ist Weltmeister in Brasilien geworden und heute auf Tour durch Berlin, und die Tour führt direkt am Haus der Bundespressekonferenz vorbei. Dort hat die Deutsche Kinderhilfe e.V. ihre Büros und wir stehen im Menschengedränge und wollen nicht zu spät zu unserem gemeinsamen Termin kommen. Wir schaffen es knapp und werden freundlich empfangen, wenn auch alle anfangs sehr abgelenkt wirken. Der Grund? Es gibt Gerüchte, dass gleich der Bus mit der Nationalmannschaft vorbeifährt. Alle hängen an den Fenstern. Wir beginnen letztendlich unser Meeting und entscheiden gleich, es kurz pausieren zu lassen. Der Spieltrieb ist stärker und wir finden uns alle jubelnd auf der Straße wieder, als wir den Bus samt Mannschaft erblicken. Derart gestärkt findet unsere erstes Meeting statt, es geht um Möglichkeiten (davon gabt es viele) und irgendwann auch über Zahlen (es wurde nun konkreter).

Zeitsprung: 11.09.2014, die Deutsche Kinderhilfe e.V. hat intern alles geklärt, was es zu klären gab. Die Entscheidung steht, wir machen ein Spiel zusammen! Während das letzte Meeting noch im seriösen Haus der Bundespressekonferenz stattfand, in dem auch unsere Politikprominenz sich würdevoll repräsentieren kann, sitzen wir nun bei uns – in Neukölln, in einem Café betrieben von einer Kanadierin, die angelsächsische Backwaren in Kreuzkölln anbietet. Kevin Vennewald, nun unserer Projektmanager auf Seite der Deutschen Kinderhilfe e.V. ist zwar nicht ganz vertraut mit solchen Meetingumgebungen, aber sichtlich angetan was den Kaffee und den Kuchen angeht. Inhaltlich geht es jetzt um den Spielkern: Was soll ins Spiel rein? Was sind die Haupthemen? Wer oder was sind die Helden der Geschichte? Was für eine Geschichte wollen wir erzählen?

Wir als Spieleexperten gehen hier in Vorleistung. Es ist nicht notwendig, dass sich unsere Kunden mit der Erstellung von Spielen auskennen. Wir abstrahieren unsere Fragen so, dass unser Partner in seiner Welt mit seiner Sprache seine Wünsche äußern kann und wir transformieren dann das Ganze in Spielmechanik und –ästhetik.

Gesagt, getan! Medienkompetenz für Kinder von 8-12 Jahren sollte das Thema sein. Wir transformierten und ein Detektivabenteuer im Stile des Kinderklassiker „Die drei Fragezeichen“ kam heraus. Eine kleine Heldentruppe mit Luca als Anführerin und ihren beiden Freunden Dilara und Max suchen einen vermissten Hund. Wo ist da die Medienkompetenz? In der Recherche der Heldentruppe! Nicht mehr Lupe und Bibliothek sind die Quellen für Wissen, sondern Facebook und Twitter. Die Figuren und damit der Spieler müssen nun stets überlegen: Wie viel gebe ich von meinen persönlichen Daten preis, um an wichtige Informationen zu kommen? Dabei ist Scheitern ausdrücklich erlaubt. Spielen bedeutet immer auch, sich auszuprobieren und dazu ist es notwendig Kinder auch mal die falschen Handlungen durchführen zu lassen. Der Lehreffekt stellt sich z.B. ein, wenn das Spiel aufzeigt was passiert, wenn man die Kontodaten der Eltern herausgibt.

Spiele müssen die Erlebniswelten der Kinder in den Handlungsoptionen und der Sprache wiedergeben, gelernt wird über intensives Feedback bei nicht erwünschten Handlungen.
Spiele müssen die Erlebniswelten der Kinder in den Handlungsoptionen und der Sprache wiedergeben, gelernt wird über intensives Feedback bei nicht erwünschten Handlungen.

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Wir möchten uns hier auch nochmals ausdrücklich bei der Deutschen Kinderhilfe e.V. bedanken, die uns in diesem Punkt vertraut und uns freie Bahn gegeben hat. Das vierte Quartal stand anschließend im Stern der Umsetzung, die Abstimmungen fanden nun auf Detailebene und meistens auf Wochenbasis statt.

Mittlerweile war es Weihnachten, das Spiel inhaltlich fertig, aber auf Seiten der Deutschen Kinderhilfe e.V. kam nun etwas Angst vor der eigenen Courage auf. Inhaltlich vermittelte das Spiel genau die gewünschten Inhalte, aber man musste es spielen, um es im Kontext zu sehen; es fehlte eine klassische lehrbuchartige Wissensvermittlung, die dem Nutzer Vorgaben für ideale Handlungsweisen direkt unter die Nase reibt.

Wir kennen diesen Moment bereits von anderen Kooperationen mit Organisationen, die zum ersten Mal das Medium Spiel benutzen. Wir sehen es mittlerweile als natürlichen Teil des Lernprozesses an, mit diesem Medium umzugehen und sich von Buch und Film zu trennen. Daher sind wir den Wünschen der Deutschen Kinderhilfe auch direkt nachgekommen und haben die „Q-Taste“ eingeführt. An ausgewählten Orten, kann hier das Sachbuch zugeschaltet werden, um keinerlei Zweifel am Ziel des Spiels aus Sicht der Deutschen Kinderhilfe e.V. aufkommen zu lassen. Wir stellten dabei sicher, dass dieser Eingriff nicht die Immersion des Spielflusses gefährdet.

Die Q-Taste in der Anwendung.
Die Q-Taste in der Anwendung.

Das Spiel war fertig! Die Zeit Anfang Januar wurde genutzt um das Spiel innerhalb der Deutschen Kinderhilfe e.V. auf Herz und Nieren zu prüfen. Dabei zeigte sich auch, dass die Q-Taste eigentlich nicht notwendig war, das Spiel erzählt in seinem Medium eine Geschichte um die Medienkompetenz und alle waren zufrieden.

Am letzten Januarwochenende erschien dann unser gemeinsames Spiel „Luca und ein verhängnisvoller Sommer“ auf der Seite der Deutschen Kinderhilfe (weiterhin hier als Gratisdownload zu finden – mitsamt Pressemitteilung).

Selbige wurde gleich von mehreren Mitgliedern des deutschen Bundestages aufgegriffen, unter anderen von der ehemaligen Bundesministerin der Justiz: Brigitte Zypries. Diverse Ratgeber haben das Spiel seitdem getestet und in ihre Datenbanken mit aufgenommen. Das Feedback für die Deutsche Kinderhilfe e.V. war so positiv, dass entschieden wurde 20.000 Exemplare auf USB Sticks kopieren zu lassen um diese während der Gamescom zu verteilen, auf welcher die Deutsche Kinderhilfe vertreten sein wird.

All das war nur möglich, weil es vor einem Jahr eine kleine Fachtagung an der FHPolBB in Oranienburg gab, die die richtigen Personen zusammenbrachte, um den Umgang mit den neuen Medien wieder ein kleines Stücken sicherer zu machen.

Wir bedanken uns daher ganz herzlich bei der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg und unseren Freunden bei der Deutschen Kinderhilfe e.V. für die gemeinsame Zeit und freuen uns auf eine zweite Runde.

(Beitrag von André Schmitz, Waza! UG)

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