SWATting: Trittbrettfahrer 2.0 ?

Es war eigentlich ein ruhiger Videospieleabend, den ein 17-jähriger Junge in Long Island/NY mit einem Onlinegame der Call of Duty-Reihe zubrachte – doch plötzlich belagerten mehr als 60 Polizeibeamte und Spezialeinsatzkräfte das Haus der Familie. Ein besiegter Spielgegner hatte per Skype die Polizei angerufen, sich als jener Junge aus Long Island ausgegeben und mitgeteilt: „Ich habe gerade meine Mutter getötet und erschieße vielleicht noch weitere Menschen.“

Dies war in den letzten Monaten keineswegs der einzige Fall irregeleiteter Einsatzkräfte. Michael Tangney, Commissioner der Polizei von Long Beach, äußerte CBS New York gegenüber, es sei geradezu eine Epidemie. Er berichtete sogar von Internet-Highscores für Fehlalarme, die eine besonders hohe Polizeireaktion bewirkt hätten – bislang konnte ich jedoch keinen Beleg für seine Aussage finden. Belegbar ist allerdings zumindest Zeitungsberichten zufolge, dass gerade verärgerte Videospieler eine wichtige Gruppe dieser Fehlalarme auslösender Täter zu sein scheinen.

Auch aus früheren Jahrzehnten sind natürlich Bombendrohungen oder Anschlagsdrohungen bekannt, die von meist jugendlichen Trittbrettfahrern begangen werden. Diese jungen Menschen haben in aller Regel keinerlei reales Interesse daran, andere Menschen zu schädigen. Sie wollen vielmehr „etwas erleben“, „Macht ausüben“ oder auch einen Tag schulfrei erwirken. Nutzten die Täter jedoch früher das Telefon, bedienen sie sich nun modernerer Techniken. Sie nutzen als Kommunikationswege etwa identitätsverschleiernde Computersoftware, Einweg-Mobiltelefone, anonymisierende Apps, Caller ID Spoofing und unterstützend gezieltes Social Engineering, um die Behörden zu manipulieren und dabei unerkannt zu bleiben.

Und mitunter finden sie erheblichen Gefallen daran: so konnte kürzlich ein einzelner 16-jähriger Jugendlicher aus Ottawa identifiziert werden, dem 30 Vorfälle zur Last gelegt werden – allerdings lagen seine Ziele nicht im heimischen Kanada, sondern im benachbarten Nordamerika. Im April hatte er seine Taten sogar über Twitter als Service angeboten: „want someone swatted? Tweet me their name, address and I’ll make it happen.”

Häufig richten sich solche Vorfälle aber auch gegen Prominente. Die Welt nennt das Verursachen solcher Fehlalarme leicht verharmlosend einen ärgerlichen Fun-Sport in Hollywood. Beispielsweise wurden Tom Cruise, Rihanna, Miley Cyrus und selbst Clint Eastwood bereits Opfer dieser Vorgehensweise. Die jugendlichen Täter selbst nennen es indes anders. Sie nennen es SWATting.

Wieso fasziniert dieses SWATing Jugendliche? Das Akronym SWAT steht für Special Weapons and Tactics und bezeichnet taktische Spezialeinheiten in US-amerikanischen Polizeibehörden. Die Mitglieder dieser Einheiten haben besondere Ausbildungen genossen und verfügen über eine exzellente Ausrüstung, um gefährliche Situationen, wie etwa Geiselnahmen oder Verhaftungen von bewaffneten Tätern, sicher zu bewältigen. In Deutschland werden derartige Ausnahmesituationen im Polizeialltag in der Regel von ebenfalls besonders gut ausgebildeten und ausgerüsteten Spezialeinsatzkommandos (SEKs) wahrgenommen. Das US-Akronym SWAT ist dabei sicherlich nicht zufällig gewählt, denn die wörtliche Bedeutung von to swat bedeutet zerquetschen, bzw. totschlagen. Im übertragenen Sinne symbolisieren SWAT-Einheiten nach dieser US-Wortwahl also eine Macht, die in der Lage ist, Täter wie eine Schmeißfliege zu zerquetschen. Keineswegs will ich die Vorgehensweise oder gar Notwendigkeit von SWATs oder anderen polizeilichen Einsatzteams hinterfragen. Ich habe Einheiten verschiedener Länder im Kontext von Amokprävention geschult und dabei positiv faszinierende, reflektierte Menschen kennengelernt, von denen einige Freunde wurden. Dennoch wird die US-Bezeichnung durch dieses Akronym unnötig martialisch. Und dieses martialische Bild spricht selbstwertunsichere Jugendliche auf eine ganz besondere Art und Weise an – sie lassen sich davon anregen, diese SWAT-Einheiten mit falschen Notrufen zu alarmieren, damit sie in die Häuser von Prominenten stürmen oder anderen Jugendlichen enorme Angst einjagen. Damit gestalten sie Macht. Sie lassen ganze Gruppen bewaffneter Männer nach ihrem Willen agieren, während gezielt genutzte technische Mittel ihre Identifikation und Ergreifung erheblich erschweren.

Bislang ist beim SWATting zum Glück noch niemand versehentlich getötet worden, jedoch wurden zahlreiche unschuldige Menschen plötzlich aus ihrem Alltag gerissen und traumatisiert. Noch dazu werden durch solche Vorfälle Einsatzkräfte gebunden, die nicht gleichzeitig an anderen Orten sein können, wo sie vielleicht Leben hätten retten können. Und letztlich verursacht ein solcher Einsatz Kosten von mehreren 10.000 Euro.

Nicht zu unterschätzen ist dabei auch die Nachahmungswirkung: Je emotionaler und intensiver über dieses Phänomen berichtet wird und je mehr simple Zusammenhänge aufgezeigt bzw. Tätern ein subkultureller Heldenstatus zugebilligt wird, desto mehr erhöht sich die Gefahr der Anregung von weiteren Trittbrettfahrern. Konsequenterweise vollzog das LAPD im April diesen Jahres einen Richtungswechsel. Sie haben bekannt gegeben, keine Informationen über SWATting-Vorfälle mehr an die Medien zu geben und nach Möglichkeit auf Nachfragen der Presse auch nicht mehr Stellung zu nehmen. Schon die Reduktion der schieren Menge an Berichterstattung soll Nachahmungstaten entgegenwirken.

In der Tat ist die Förderung einer verantwortungsvollen Berichterstattung ein wichtiges Thema, um Nachahmungstaten zu vermeiden. Dabei geht es jedoch nicht notwendigerweise um eine erhebliche Einschränkung der Menge, sondern vielmehr um die Art und Weise der Darstellung. Gemeinsam mit Robert Kahr und unterstützt von zahlreichen nationalen und internationalen Wissenschaftlern, schreibe ich gerade ein Buch zu diesem Thema. Es wird unter dem Titel „Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus – zur medienpsychologischen Wirkung des Journalismus bei exzessiver Gewalt“ im nächsten Jahr bei SpringerVS erscheinen und wissenschaftlich basierte, konkrete Hinweise zur Reduzierung der Nachahmungswirkung enthalten. Doch dazu ein anderes Mal mehr.

Zur engeren Thematik dieses Blogbeitrags hat der Sender VICE vor einigen Tagen eine sehenswerte Reportage produziert, die einige der bereits skizzierten Aspekte aufzeigt und illustriert:

Übrigens hat der große Spielepublisher EA am 9. Juni auf der E3 eine Fortsetzung seiner Spielereihe Battlefield unter dem Namen Hardline angekündigt. In der im Herbst erscheinenden Version werden die Spieler nicht wie zuvor in Kriegsszenarios gegeneinander kämpfen, sondern im Bereich von polizeilichen Spezialeinsätzen – also als Straftäter versus SWAT-Mitglieder. Ich bin schon jetzt gespannt, ob die Spielerfahrung eher die Phantasie der Trittbrettfahrer anregen wird, auch im RL zu „swatten“ – oder ob damit quasi eine virtuelle Spielwiese geschaffen wird, damit reales SWATting nicht mehr nötig wird. Möglicherweise wird es auch je nach Persönlichkeit des Spielers ein wenig von beidem. Das Timing von EA darf anlässlich der aktuellen Häufung von realen Vorfällen des SWATtings allerdings in Frage gestellt werden.

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