Trolle zähmen leicht gemacht

Der folgende Beitrag wurde von meiner Frau Franziska Robertz verfaßt und war im letzten Oktober einer der Preisträger des ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerbs. Mit herzlichem Dank an den Initiator des Wettbewerbs auf ScienceBlogs, Florian Freistetter, darf ich Ihnen den dort publizierten Beitrag auch im CybercrimeBlog ans Herz legen:

Trolle sind seltsame Kreaturen. Sie ähneln äußerlich normalen menschlichen Wesen, doch wenn sie anfangen zu kommunizieren, dann entspinnt sich ihre dunkle Magie. Die heile Welt von Blogs und Foren wird durch eintreffende Trolle urplötzlich der Wirklichkeit entrückt. Schnell breitet sich Furcht und Abscheu in den Herzen der dort Anwesenden aus. Jede Ordnung kommt zum Erliegen.
Trolle lieben diesen Moment, denn sie ernähren sich von den daraus entstehenden Gefühlen. Sie weben Geschichten – und wenn ein naiver User diesen Geschichten Aufmerksamkeit schenkt, dann ist es um ihn geschehen. Die Augen der Trolle beginnen zu leuchten und ihr Herz rast vor Freude, denn nun können sie Emotionen aus dem armen Opfer herauspressen und sich daran laben. Und tief in ihrem Inneren wissen sie: dies ist ein guter Ort voller Trollnahrung – hierhin komme ich zurück. Immer und immer wieder.
Natürlich wissen Sie längst, dass wir hier nicht über die haarigen Gesellen sprechen, die unter Brücken schlafen und Träume als Wegzoll fordern, nicht von grauenhaften Höhlentrollen in den Minen von Moria und auch nicht von kartoffelnasigen Wesen aus Norwegen, die Menschenkinder aus ihrem Bettchen stehlen, um stattdessen ihr eigenes hineinzulegen. Nein, das Exemplar, um das es uns hier geht ist weit gefährlicher. Es ist der gemeine Internet-Troll.

Bild: Jan Hammershaug, CC-BY 2.0

Von Anfang an war er da. Schon als die ersten internetbasierten Gemeinschaften in Form von Chats, Foren und Newsgroups die ersten Worte fanden, war auch der Troll anwesend. Und je weiter sich die Sozialen Medien wie Twitter, Facebook & Co. und die damit einhergehende Gesprächigkeit der Mitwirkenden vergrößerten, desto wohler fühlte sich der Troll. Mit jedem neuen Beitrag und jedem neuen Gesprächsbeginn erschien ihm seine Nahrung sicherer. Jedes Gespräch, in das er sich einmischen konnte, und jede Aufmerksamkeit, die ihm dabei zuteil ward, waren potentielle Leckerbissen für ihn. Und doch: Trolle können auch selbst gejagt werden. Verwegene Wissenschaftler haben es sich auf die Fahnen geschrieben, diese Ungetüme zu erforschen. Und je intensiver Trolle agieren, desto mehr kann die Wissenschaft über ihre Verhaltensweisen und ihren Wohlfühlraum erfahren. Das Verhalten der Trolle wird so mit der Zeit einschätzbar, der Umgang mit ihnen leichter und im Idealfall können Wege eröffnet werden, Internet-Trolle unschädlich zu machen.

Was Trolle anlockt
Der Internet-Troll lebt allgemein im Verborgenem, in den Wirren des Netzes. Hervorlocken kann man ihn durch endlos ausufernde Diskussionen, Verschwörungstheorien oder das Publizieren extremer politischer bzw. gesellschaftlicher Meinungen. Dabei wartet er den für ihn günstigsten Zeitpunkt ab – bis seine Nahrung den Gipfel der Bekömmlichkeit erreicht hat. Sobald er spürt, dass sich Meinungskontrahenten die Hand zu einem friedvollem Miteinander reichen wollen, wenn Administratoren das unaufgeregte Miteinander fast wieder hergestellt haben, dann kommt er aus seinem Versteck und führt alles bis dahin Gesagte auf den Gipfel des Abstrusen. Sein eskalierendes Verhalten bewirkt das Aufflammen einer noch hitzigeren Diskussion mit einem vermehrten Aufkommen unsachlicher Argumentation. Er bringt gerne extreme und spitze Bemerkungen oder neutralisiert gelungene Beiträge mit einem Verständnislosigkeit vortäuschenden „Hä?“. Ihm ist dabei jedes Mittel recht, so lange sich die Aufmerksamkeit von nun an auf ihn konzentriert. Linus Neumann, Michael Kreil und Erlehmann haben in ihren, auf der re:publica 2013 vorgetragenen, augenzwinkernden Erkenntnissen der empirischen Trollforschung festgestellt, dass es in einem trollbesetzten Kommentarthread keine Korrelation zwischen der Information des ursprünglichen Artikels und den Kommentaren gibt. Kurzum: Das ursprüngliche Thema geht nach einem Trollüberfall komplett verloren. Und je mehr man dabei auf den Troll eingeht, desto informationsloser aber auch schimpfwortlastiger und wiederholender werden laut Neumann, Kreil und Erlehmann alle nachfolgenden Kommentare. Bei ihrem Vortrag handelt es sich um eine spannende und genussvoll anzusehende Sammlung von Erkenntnissen zu Trollen in einem spezifischen Forum. Es ist allerdings keine Studie, die wissenschaftlichen Ansprüchen insoweit genügen würde, dass sie auf die Massen der internetweit versteckten Trolle übertragbar wäre. Jene verwegenen Trolljäger sind unter den Wissenschaftlern leider noch selten, doch erste wissenschaftliche Forschungen und Erkenntnisse gibt es bereits.

Was Trolle antreibt
Die britische Linguistin Claire Hardaker analysierte 2010 Usenet-Einträge und fand als wichtigste Ziele der Trolle die Erzeugung von Aggression, Irreführung, Verstörung und den Erfolg ihrer Handlungen. Im selben Jahr führten Pnina Shachaf und Noriko Hara Interviews mit Wikipedia-Trollen durch und entdeckten als relevante Themen dieser Trolle unter anderem Langeweile, Rache, die Suche nach Aufmerksamkeit und Lustgewinn, der aus dem Trollen entsteht.
Drei kanadische Psychologen wollten es nun in diesem Jahr noch genauer wissen. Sie veröffentlichten die beiden bislang umfangreichsten Studien, für die sie insgesamt mehr als 1.200 Menschen zu ihrem Verhalten im Internet befragten. Sie definierten das Trollen dabei als „irreführendes, destruktives oder verstörendes Verhalten, in einem sozialen Kontext im Internet, das ohne direkt ersichtliches Ziel auftritt“. Die drei Forscher beschrieben, dass diese Trolle auffallend häufig unangenehme Persönlichkeitsmerkmale aufweisen: Sie stellen gerne persönliche Machtinteressen über die des Gemeinwohls und zeigen eine übersteigerte Selbstverliebtheit. Zudem weisen sie fehlendes Mitgefühl, eine geringe soziale Verantwortung und ein impulsives Verhalten auf, das daran interessiert ist, andere Menschen auszunutzen. Mit anderen Worten, Trolle zeigen eine Nähe zu Persönlichkeitszügen wie Machiavellismus, Narzissmus und Psychopathie. Zu der so genannten „Dunklen Tetrade“ zählt jedoch noch ein weiterer Aspekt und dieser war in der Studie am deutlichsten ausgeprägt – der Sadismus. Einige Trolle erleben nämlich auch ein Gefühl der Befriedigung dadurch, dass sie andere Menschen demütigen, unterdrücken oder ihnen Schmerzen zufügen.
Das Ergebnis dieser Studie könnte bedeuten, dass herkömmliche Versuche, Trolle zu stoppen, allenfalls kurzfristig und lokal Wirkung zeigen werden. Denn eine in der Persönlichkeit verankerte sadistische Motivation wird kaum anhaltend auf Bestrafungen (wie etwa das befristete Ausschließen aus Foren o.ä.) reagieren – es macht den Trollen einfach viel zu viel Spaß, ihr Verhalten fortzusetzen. Zur Not wird einfach in einem neuen Forum getrollt.
Doch in diesem Jahr gab es noch einen weiteren Lichtschimmer am Horizont der Trollologie. Jedenfalls im Umgang mit Jungtrollen. Eine 13-jährige (!) Nachwuchswissenschaftlerin hat jüngst ein kleines Programm erdacht und mit 300 Kindern und Jugendlichen getestet. Ihr Grundgedanke war so einfach, wie genial – das für ihren Versuch hergestellte Programm Rethink reagierte auf vorbereitete verletzende Nachrichten für Soziale Netzwerke mit dem Hinweis „Diese Nachricht könnte andere Menschen verletzen. Möchtest Du noch einmal darüber nachdenken, ob du diese Nachricht wirklich posten willst?“. Auch wenn es sich nur um einen kleinen Laborversuch handelte, der keinen ernsthaften wissenschaftlichen Ansprüchen genügt und allenfalls Hinweise für tiefergehende Forschung der Zukunft bieten kann, ist das Ergebnis faszinierend: Während 71% der Befragten den Willen zeigten, verletzende Nachrichten zu veröffentlichen, nahmen 93% dieser Kinder und Jugendlichen von ihrer Absicht wieder Abstand, nachdem das Programm nachgefragt hatte, ob diese Botschaft wirklich gepostet werden sollte. Wenn es also gelingt, ein kontextsensitives Filtersystem für soziale Netzwerke zu entwickeln, das verletzende Nachrichten erkennt und hinterfragt, dann könnte möglicherweise zumindest in Netzwerken von Kindern und Jugendlichen der Umgang ein wenig friedvoller gestaltet werden. Allerdings trifft dies vermutlich eher für Verhaltensweisen zu, die wir gemeinhin als Cybermobbing bezeichnen. Den Prototyp eines Trolls mit seiner Nähe zu machiavellistischen, narzisstischen, psychopathischen und vor allem sadistischen Persönlichkeitszügen kann man auf diese Weise wohl nicht stoppen – er würde die Nachfrage des Programms möglicherweise eher mit einem freudigen „ja, genau das möchte ich tun“ quittieren.

Wie wir Trolle wieder loswerden
Was können wir nun tun, um vor Trollen Ruhe zu haben? Linus Neumann weist in dem bereits erwähnten Vortrag auf seine Entwicklung einer „Trolldrossel“ hin: Er fertigte eine Captcha-Funktion für das Kommentarfeld an, die bei vordefinierten trolltypischen Inhalten mit unlösbaren Captcha-Aufgaben reagierte. Je mehr der Troll-Content den vordefinierten unerwünschten Inhalten entsprach, mit desto höherer Wahrscheinlichkeit waren die Captchas unlösbar. Damit ist zwar ein einmaliger Aufwand für den Administrator beim Einbau der Funktion verbunden, aber der enorme Aufwand im Umgang mit Trollverhalten reduziert sich. Der Aufwand, mehrere Captchas zu lösen, lässt ungeduldige Trolle aus dem Forum verschwinden.
Für das eigene Blog ist eine solche Captcha-Funktion sicher eine feine Idee, doch für umfassende Soziale Medien wie Facebook, Twitter & Co. werden andere Reaktionsweisen benötigt. Als Admin eines Forums oder einer Facebook-Gruppe ist es noch vor dem Auftauchen von Trollen wichtig, klare Regeln für das Miteinander der jeweiligen Gruppe deutlich zu machen und diese auch konsequent umzusetzen. So sollte auch geregelt sein, wie mit Trollen umzugehen ist. Die gängigste Methode lautet meist, Trolle und anderweitige Störenfriede aus der Gruppe auszuschließen. Diese Herangehensweise führt allerdings nur dann nicht zu Protesten in der Gruppe, wenn von vorneherein klar ist, dass der Troll gegen die Forenregeln verstößt und daher die festgelegten Konsequenzen zu tragen hat. Der Ausschluss durch einen Admin ist dann sozusagen legitimiert.
Eine Eigenheit der Trolle ist allerdings ihre Hartnäckigkeit. Daher wird häufig beobachtet, dass sie sich fortlaufend mit neuem Benutzernamen anmelden. Langwierige Anmeldeformalitäten könnten ein Weg sein, dem zu begegnen. Wenn es für den Troll zu aufwändig wird, kann er seine Lust verlieren und lieber ein Forum heimsuchen, bei dem ihm das Trollen leichter gemacht wird.
Als effektivste Technik der Trollzähmung empfiehlt die bereits erwähnte Linguistin Claire Hardaker aber, dass man Trolle erkennen, benennen und dann konsequent ignorieren sollte. Das dahinter stehende Motto „Don´t feed the troll!“ ist nicht wirklich neu, aber so erfolgreich, dass es geradezu zu einem geflügelten Wort geworden. Wirft man Trollen keine „Häppchen“ hin, sondern ignoriert sie komplett und geht überhaupt nicht auf ihre Kommentare ein, dann verleidet man ihnen das sadistische Verhalten – sie haben schlicht nicht mehr die Möglichkeit, Genuss durch die emotionalen und verletzten Reaktionen der herausgeforderten User zu empfinden. Ohne immer neue Genuss-Häppchen hungert der Troll und sucht sich an anderen Orten leichtere Opfer.
Wer allerdings in eine intensive Diskussion eingebunden ist, wird plötzlich unter ihrer Brücke hervorkriechende Trolle möglicherweise nicht sofort erkennen und ihnen durch unüberlegte Reaktionen vielleicht doch versehentlich Futter zuwerfen. Bei Diskussionen in der Öffentlichkeit des Internets mit Facebook & Co. ist es daher auch ganz grundsätzlich ratsam, stets darauf zu achten, was man selbst online schreibt. Gerade bei ausufernden Diskussionen muss stets damit gerechnet werden, dass Trolle in Reichweite sind und auf Reize warten. Nur wer in Diskussionen einen kühlen Kopf behält und respektvoll mit den Diskussionspartnern umgeht, kann näherschleichende Trolle rechtzeitig entdecken. Mithin gehört zum „Trolle zähmen leicht gemacht“ auch stets die eigene Aufrechterhaltung der Netiquette: Vor dem Posten von emotionalen Beiträgen lohnt es sich immer, zwei zusätzliche Sekunden den Inhalt der eigenen Nachricht zu hinterfragen. Im schlimmsten Fall könnte man Sie sonst noch selbst mit einem Troll verwechseln.

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